Bert Brandstetter: Christlich geht anders, weil …

Wie geht christlich eigentlich?

Früher war alles ganz einfach. Da hat gegolten, was im Katechismus gestanden ist und was der Pfarrer gesagt hat und damit war das Thema erledigt. Dort, wo es sich nicht ausgegangen ist, war der Beichtstuhl der Ort, wo alles wieder ins rechte Lot kam. Die Kirche war für das Leben zuständig. Sie regelte alles: vom ehelichen Schlafzimmer bis zur Bauernarbeit am Sonntag.

Ich erinnere mich noch gut, wie in den 1950-er Jahren der Pfarrer von der Kanzel die Heuarbeit wegen einer drohenden Schlechtwetterfront genehmigte. Wer all die Regeln, sprich die 10 Gebote befolgte, war christlich. Das hat sich seither geändert. Grundlegend. Was ist heute noch christlich? Nicht einmal der gestrichene Besuch des Sonntagsgottesdienstes macht noch schlechtes Gewissen. Sex vor der Ehe auch nicht und überhaupt: selbst übelste Finanz-Tricksereien gelten bestenfalls als Kavaliersdelikt, aber doch nicht als Sünde, frei nach der Devise: Religion schön und gut, aber wie ich mein Leben gestalte, geht sie und die Pfarrer aber wirklich nichts an. Wie geht also christlich heute?

Stellung beziehen

Katholische und Evangelische Organisationen haben darüber nachgedacht und in der Solidarität von Christenmenschen gegenüber Armen und Benachteiligten einen gemeinsamen Nenner gefunden. Oder etwas genauer: diese christlichen Vertreter wollen zur aktuellen gesellschaftlichen Lage Stellung beziehen, „insbesondere zu den bedrückendsten Problemen wie steigende Arbeitslosigkeit und prekäre Beschäftigung, wachsende Armut und die Not geflüchteter Menschen.“

Die für heuer angekündigte Kampagne möchte sich politisch „engagieren gegen eine weitere Aushöhlung des Sozialstaats, insbesondere auf Kosten der Schwächsten, die – im Fall von Flüchtlingen – nicht einmal ein Stimmrecht haben und daher von einer vermeintlich „volksnahen“ Politik ignoriert oder sogar zum Feindbild gemacht werden können.“ Oft gehörte Positionen wie „Jeder ist seines Glückes Schmied“, „der Tüchtige schafft es“, „Raus aus der sozialen Hängematte“, wären damit als klar unchristlich abgestempelt, weil die Organisatoren der Kampagne feststellen: „Seit diese Haltungen die Politik prägen, haben Ungleichheit, soziale Ausgrenzung, Armut, und die Segmentierung der Gesellschaft immer mehr zugenommen.“

Eine klar soziale Positionierung also als Ausdruck der Christlichkeit. Ist das aber alles, mag der irritierte Christ fragen, der sich vielleicht der anderen ehemals christlichen Gebote erinnert. Soziales gut und recht, selbst wenn Papst Franziskus Ungerechtigkeiten dieser Art gern in den Mund nimmt: aber liegt hier nicht eine Verkürzung vor? Ist christlich nicht doch noch vieles mehr?

Für eine friedliche und freiheitliche und sozial gerechte Weltordnung

Mir fällt genau jetzt ein bedenkenwertes Buch des ehemaligen CDU-Politikers Heiner Geißler in die Hände. Der ehemalige Jesuiten-Novize und spätere Minister outet sich durchaus mutig als ein Zweifelnder und auch er denkt über das Christsein nach. (Heiner Geißler: „Kann man noch Christ sei, wenn man an Gott zweifeln muss? Fragen zum Luther-Jahr“. Ullstein.Verlag, Berlin 2017). In einem Interview mit dem Deutschlandfunk sagte er: „Wir leben in einer Welt, die nicht beherrscht wird von christlichen Werten, sondern von unchristlichen, von kapitalistischen Werten. Das Geld ist das Entscheidende. Geiz, Geld, Gier beherrschen die Welt. Und das ist natürlich das Gegenteil von dem, was Jesus gesagt hat. Und weil die Kirchen gespalten sind, wie sich die Kirchen zurückziehen, weil sie ein Inzuchtdasein führen, anstatt dass sie die politische Dimension des Evangeliums erkennen und ihren Beitrag leisten, so wie das vor 60 Jahren mit der sozialen Marktwirtschaft der Fall gewesen ist, für eine friedliche und freiheitliche und sozial gerechte Weltordnung, da fehlt das Konzept der Kirchen. Und das werden sie nur durchsetzen können, wenn sie sich nun endlich wieder einigen und nicht sich gegenseitig bekämpfen.“ Recht hat er, der alte Kämpfer, denke ich mir.

Dafür unterschreiben, dass christlich anders geht

Ich war über Pfingsten mit einem Teil meiner großen Familie in Rom. Dort zeigt sich eine Kirche, die wohl imposant, gewaltig und gigantisch ist. Die Kirche ist viele Wege gegangen in ihren 2000 Jahren. Auch die fantastischen Bauten sind Ausdruck dessen, dass ein großer Gott jede Kunst und jeden Preis wert ist. Aber ist das die Kirche, die sich Jesus vorgestellt hat? Gerade in diesem offensichtlichen Widerspruch zwischen ureigenstem christlichen Anspruch des gegenseitigen Annehmens, vielleicht auch Ertragens, jedenfalls nicht Bekämpfens und dem, was man in Rom, dem Herz der katholischen Christenheit zu sehen bekommt, wird mir klar, dass „Christlich geht anders“ auch in dieser Beziehung recht gescheit ist. Es braucht nicht viel mehr als das, was man Liebe nennt, um auf dem rechten Weg zu sein. Gemeinsam mit ökumenisch orientierten Christen dafür zu unterschreiben, dass christlich in Wirklichkeit anders geht als das, was lange Zeit üblich war, ist auch in diesem Sinn ein schönes Zeichen, finde ich. Weil es immer noch besser ist, vielleicht ein Detail konkret zu benennen und zu verbessern zu versuchen, als gar nichts zu tun und den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen.

Bert Brandstetter
Präsident der Katholischen Aktion Oberösterreich

 

Der Beitrag ist zuerst erschienen in:
Blickpunkt. Stadtpfarre Bad Ischl. Folge 3, Sommer 2017

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