Martin Jäggle: Der Sorge um Arme und Fremde Vorrang geben

Zu Mt 28,16-20:

Ein starkes, ja ein fulminantes Stück sind die soeben gehörten fünf letzten Verse des Evangeliums nach Matthäus. Diese Qualität des Abschlusses ist charakteristisch für alle Meisterwerke. Der Abschluss wird zum Ausblick. Der Blick der Hörenden und Lesenden wird auf das Leben und die Zukunft gerichtet. Der Auftrag „macht alle Völker zu meinen Jüngern“ (V. 19) ist verbunden mit der Zusage „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ (V.20).

Mittendrin steht die Formel, mit der auch heute jede Taufe erfolgt: „Taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ (V.19). Sie begründet den heutigen Sonntag, der als Dreifaltigkeitssonntag von den Kirchen des Westens gefeiert wird. In der Gemeinde, für die der Evangelist sein Werk schrieb, dürfte diese Formel schon eine längere Tradition gehabt haben. In ihr ist die Gewissheit verdichtet: Die Wirklichkeit und Nähe des einen Gottes kann in dieser Welt und Geschichte in dreifacher Weise erfahren werden. Eine Annäherung an diese spirituelle Erfahrung könnte bieten: Als Grund von Geborgenheit und Sehnsucht Gott erfahren, der wie Vater und Mutter ist. In der Praxis der Liebe dem Sohn begegnen, ermutigt und begleitet vom Geist Gottes. Bei der Taufe Jesu hat Matthäus vor Augen geführt: Der Himmel öffnet sich, Jesus sieht den Geist Gottes auf sich herabkommen und eine Stimme aus dem Himmel sprach: „Dieser ist mein geliebter Sohn.“ (3,17)

Ein Satz irritiert: „Einige aber hatten Zweifel.“ Der Zweifel ist ein wichtiger Teil der Wirklichkeit der Gemeinde des Matthäus und wohl jeder christlichen Gemeinde. Der Zweifel wird hier nicht ausgeblendet oder gar verdrängt, sondern ausdrücklich festgehalten. Noch bemerkenswerter: Die Zweifelnden werden nicht disqualifiziert oder gar sanktioniert. Ist der Zweifel gar der legitime Bruder des Glaubens? Als junger Mensch hörte ich einen Satz, den ich bis heute bewahrt habe: „Euer Glaube muss fragwürdig sein, würdig eurer Frage.“

Auf ein mögliches Missverständnis möchte ich aufmerksam machen. Traditionell wird das griechische Wort μαθητής mit Jünger übersetzt. Aber das Wort Jünger ist alltagssprachlich eher negativ besetzt und wird mit Eiferer, Jasager, Nachläufer oder Verehrer in Verbindung gebracht. Das alles geht am eigentlichen Wortsinn vorbei. Bibelfachleute bevorzugen als Übersetzung das Wort Schüler, Schülerin. Dadurch wird der Aspekt des Lernens deutlicher. Jünger sind zu allererst Lernende, sie gehen in die Schule Jesu. Somit wären eine christliche Gemeinde und erst recht die Kirche als Lerngemeinschaft zu verstehen, weil sie eine Schule Jesu sind. In ihr bleiben alle Lernende, auch nach der Taufe. Aber was ist Gegenstand dieses Lernens – und Lehrens? Matthäus betont: „alles, was ich euch geboten habe“ (V. 20). Für das Matthäusevangelium ist Christsein eine Frage der Praxis. So heißt es im Kapitel 6: „Sucht aber zuerst sein Reich und seine Gerechtigkeit; dann wird euch alles andere dazugegeben werden.“ (Mt 6,33) Wenn sich daher die Kirchen in politischen Konflikten für Gerechtigkeit einsetzen, entsprechen sie nur dieser Forderung. Im Kapitel 7 erfolgt sogar eine Zuspitzung: „Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr! wird in das Himmelreich kommen, sondern wer den Willen meines Vaters im Himmel tut.“ (Mt 7,21) Wie entscheidend letztlich die Praxis ist, wird im sogenannten Gleichnis vom Weltgericht auf den Punkt gebracht: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Mt 25,40) Und „Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr mir nicht getan.“ (Mt 25,45). Heute ermutigt die Initiative „Christlich geht anders“, wozu das Matthäus-Evangelium auffordert: Der Sorge um Arme und Fremde Vorrang zu geben.

Univ. Prof. ret. Dr. Martin Jäggle

Zum Nachhören bis 3. Juni 2018 auf: https://oe1.orf.at/player/20180527/514225

 

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