Werner Freistetter: Solidarität in der kirchlichen Sozialverkündigung

2

Photo by Jacqueline Godany

Im Apostolischen Schreiben Evangelii Gaudium bedauert Papst Franziskus, dass sich das Wort Solidarität heute „ein wenig abgenutzt“ habe und „manchmal falsch interpretiert“ werde. Dabei bedeute es „viel mehr als einige gelegentliche großherzige Taten“ (188). Sie sei die „spontane Reaktion dessen, der die soziale Funktion des Eigentums und die universale Bestimmung der Güter als Wirklichkeiten erkennt, die älter sind als der Privatbesitz.“ Sie müsse „als die Entscheidung gelebt werden, dem Armen das zurückzugeben, was ihm zusteht.“ (189)

„Umfassender und solidarischer Humanismus“

Wie zentral die Rede von der „Solidarität“ in einem globalen Sinn für die katholische Soziallehre geworden ist, zeigt sich sehr deutlich im Kompendium der Soziallehre der Kirche, das einen gut lesbaren Überblick über die wesentlichen Inhalte der katholischen Soziallehre angesichts aktueller Herausforderungen gibt. Schon die Einleitung trägt den programmatischen Titel „Ein umfassender und solidarischer Humanismus“. Das Kompendium liefert auch die Erklärung dafür, dass die Solidarität in der Sozialethik heute besonders in den Vordergrund rückt: „Der Prozess der zunehmenden wechselseitigen Abhängigkeit zwischen Personen und Völkern“, die zugleich mit zunehmender Ungleichheit einhergeht, fordert ein intensiveres „Engagement auf ethisch-sozialer Ebene […], um die unheilvollen Konsequenzen einer Unrechtssituation von weltweiten Ausmaßen zu verhindern“ (192). Den Auswirkungen der Globalisierung muss also durch die Stärkung globaler solidarischer Strukturen begegnet werden.

Soziales Ordnungsprinzip und Tugend

Dabei ist die Solidarität sowohl soziales Ordnungsprinzip als auch Tugend. Als soziales Ordnungsprinzip soll sie die Grundlage für die Schaffung oder Veränderung von Gesetzen und Normen werden, mithilfe derer die „Strukturen der Sünde“ in „Strukturen der Solidarität“ verwandelt werden sollen. (193)

Als Tugend ist sie „die feste und beständige Entschlossenheit, sich für das »Gemeinwohl« einzusetzen“, die Bereitschaft, dem Nächsten zu dienen anstatt ihn auszubeuten oder zu unterdrücken. Solidarität im christlichen Sinn ist also kein „Gefühl vagen Mitleids oder oberflächlicher Rührung wegen der Leiden so vieler Menschen nah oder fern“ (193), sondern die Bereitschaft, den Menschen, die Hilfe brauchen, wirksam und nachhaltig so zu helfen, dass sie selbst in Freiheit Verantwortung für ihr Leben und das ihrer Mitmenschen übernehmen können.

Eine Menschheitsfamilie

In der Nachfolge Jesu geht christliche Solidarität immer schon über bloße Gruppen- oder Interessenssolidarität hinaus, die wir aus politischen oder wirtschaftspolitischen Auseinandersetzungen sehr gut kennen und die durchaus ihre Berechtigung hat. Christliche Solidarität beruht aber auf der festen Überzeugung von der gleichen Würde, der Gottebenbildlichkeit und Geschwisterlichkeit aller Menschen. Sie bilden die eine Menschheitsfamilie, die dazu berufen ist, in Frieden und Gerechtigkeit miteinander zu leben.

Der Aufbau solidarischer Strukturen muss daher mit verstärkter internationaler Zusammenarbeit einhergehen mit dem Ziel, das Recht auf Entwicklung zu sichern, allen Ländern Zugang zum internationalen Markt zu verschaffen, die Armut zu bekämpfen und die Auslandsverschuldung vieler armer Länder zu vermindern. (320-324)

Schutz der natürlichen Umwelt

Eine besondere Herausforderung für die gesamte Menschheit ist der Schutz der natürlichen Umwelt in ihrem Reichtum und ihrer Vielfalt. Sie ist gemeinschaftliches Gut aller Menschen und soll auch noch kommenden Generationen als Lebensgrundlage zur Verfügung stehen. Neben der Erarbeitung einheitlicher Regeln und Sanktionsmöglichkeiten ist auch eine „wirksame Veränderung der Mentalitäten und Lebensstile“ (468) notwendig. Die Mechanismen des Marktes alleine werden nicht ausreichen, um die Umwelt in ausreichender Weise zu schützen. Deshalb müssen entsprechende Anreize für die Forschung nach entsprechenden Innovationen gesetzt und alternative Energien weiterentwickelt werden. (470) Die Nutzung moderner Biotechnologie ist mit dem christlichen Schöpfungsverständnis und der Mitwirkung und Verantwortung des Menschen prinzipiell vereinbar (473), ihr Einsatz müsse aber auch hinsichtlich seiner gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Auswirkungen beurteilt werden und den entsprechenden ethischen Kriterien, v.a. Gerechtigkeit und Solidarität, entsprechen. (474) Fairer Handel und angemessener Technologietransfer in die Entwicklungsländer soll erleichtert werden. (475)

Das Kompendium der Soziallehre der Kirche sieht einen verantwortungsvollen und solidarischen Umgang mit der Schöpfung letztlich in einer Haltung der Dankbarkeit und Anerkennung begründet: „Wenn man […] die Natur in ihrer geschöpflichen Dimension wiederzuentdecken vermag, dann kann man […] ihre über sich selbst hinausweisende symbolhafte Bedeutung erfassen und so zum Horizont des Mysteriums vordringen, das dem Menschen den Weg zu Gott, dem Schöpfer des Himmels und der Erde, eröffnet. Die Welt bietet sich den Blicken des Menschen als eine Spur Gottes dar“ (487).

Der Beitrag der ksoe

Diesen Blick auf die geschöpfliche Dimension der Wirklichkeit in ihrem sozialen und ethischen Anspruch versucht die Katholische Sozialakademie Österreichs seit sechs Jahrzehnten den Menschen durch Bildung, Beratungstätigkeit und Teilnahme am gesellschaftlichen Diskurs zu eröffnen. Der Titel der Jubiläumsveranstaltung „60 Jahre Katholische Sozialakademie Österreichs. Zukunft gestalten_demokratisch – solidarisch – gerecht“ am 29. März 2019 zeigt an, wie wichtig solidarisches Handeln für die Zukunft der Menschheitsfamilie ist und bleiben wird.

Autor

Portrait von Werner Freistetter
W. Freistetter © J. Kuss

Werner Freistetter
für die ksoe zuständiger Referatsbischof in der Österreichischen Bischofskonferenz, ab 1985 Assistent am Institut für Ethik und Sozialwissenschaften (Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Wien), 1997-2015 Leiter des Instituts für Religion und Frieden, seit 2015 Bischof der Militärdiözese.

Tipp

Das Soziallehre Prinzip „Solidarität“ erklärt von Magdalena Holztratter

> Link zur Playlist

2 Comments

  1. Ich freue mich darüber, dass die Katholische Kirche sich zunehmend dem Thema Solidarität widmet. In diesem Zusammenhang zitiere ich gerne aus dem Zukunftsbild der Katholischen Kirche Steiermark https://www.katholische-kirche-steiermark.at/portal/dioezese/zukunftsbild, in dem es auf Seite 23 heißt: “Wir setzen uns aktiv für gesellschaftliche Bedingungen und Strukturen ein, die ein solidarisches und gerechteres Leben für alle ermöglichen.”

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.