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Werner Freistetter: Solidarität in der kirchlichen Sozialverkündigung

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Photo by Jacqueline Godany

Im Apostolischen Schreiben Evangelii Gaudium bedauert Papst Franziskus, dass sich das Wort Solidarität heute „ein wenig abgenutzt“ habe und „manchmal falsch interpretiert“ werde. Dabei bedeute es „viel mehr als einige gelegentliche großherzige Taten“ (188). Sie sei die „spontane Reaktion dessen, der die soziale Funktion des Eigentums und die universale Bestimmung der Güter als Wirklichkeiten erkennt, die älter sind als der Privatbesitz.“ Sie müsse „als die Entscheidung gelebt werden, dem Armen das zurückzugeben, was ihm zusteht.“ (189)

„Umfassender und solidarischer Humanismus“

Wie zentral die Rede von der „Solidarität“ in einem globalen Sinn für die katholische Soziallehre geworden ist, zeigt sich sehr deutlich im Kompendium der Soziallehre der Kirche, das einen gut lesbaren Überblick über die wesentlichen Inhalte der katholischen Soziallehre angesichts aktueller Herausforderungen gibt. Schon die Einleitung trägt den programmatischen Titel „Ein umfassender und solidarischer Humanismus“. Das Kompendium liefert auch die Erklärung dafür, dass die Solidarität in der Sozialethik heute besonders in den Vordergrund rückt: „Der Prozess der zunehmenden wechselseitigen Abhängigkeit zwischen Personen und Völkern“, die zugleich mit zunehmender Ungleichheit einhergeht, fordert ein intensiveres „Engagement auf ethisch-sozialer Ebene […], um die unheilvollen Konsequenzen einer Unrechtssituation von weltweiten Ausmaßen zu verhindern“ (192). Den Auswirkungen der Globalisierung muss also durch die Stärkung globaler solidarischer Strukturen begegnet werden.

Soziales Ordnungsprinzip und Tugend

Dabei ist die Solidarität sowohl soziales Ordnungsprinzip als auch Tugend. Als soziales Ordnungsprinzip soll sie die Grundlage für die Schaffung oder Veränderung von Gesetzen und Normen werden, mithilfe derer die „Strukturen der Sünde“ in „Strukturen der Solidarität“ verwandelt werden sollen. (193)

Als Tugend ist sie „die feste und beständige Entschlossenheit, sich für das »Gemeinwohl« einzusetzen“, die Bereitschaft, dem Nächsten zu dienen anstatt ihn auszubeuten oder zu unterdrücken. Solidarität im christlichen Sinn ist also kein „Gefühl vagen Mitleids oder oberflächlicher Rührung wegen der Leiden so vieler Menschen nah oder fern“ (193), sondern die Bereitschaft, den Menschen, die Hilfe brauchen, wirksam und nachhaltig so zu helfen, dass sie selbst in Freiheit Verantwortung für ihr Leben und das ihrer Mitmenschen übernehmen können.

Eine Menschheitsfamilie

In der Nachfolge Jesu geht christliche Solidarität immer schon über bloße Gruppen- oder Interessenssolidarität hinaus, die wir aus politischen oder wirtschaftspolitischen Auseinandersetzungen sehr gut kennen und die durchaus ihre Berechtigung hat. Christliche Solidarität beruht aber auf der festen Überzeugung von der gleichen Würde, der Gottebenbildlichkeit und Geschwisterlichkeit aller Menschen. Sie bilden die eine Menschheitsfamilie, die dazu berufen ist, in Frieden und Gerechtigkeit miteinander zu leben.

Der Aufbau solidarischer Strukturen muss daher mit verstärkter internationaler Zusammenarbeit einhergehen mit dem Ziel, das Recht auf Entwicklung zu sichern, allen Ländern Zugang zum internationalen Markt zu verschaffen, die Armut zu bekämpfen und die Auslandsverschuldung vieler armer Länder zu vermindern. (320-324)

Schutz der natürlichen Umwelt

Eine besondere Herausforderung für die gesamte Menschheit ist der Schutz der natürlichen Umwelt in ihrem Reichtum und ihrer Vielfalt. Sie ist gemeinschaftliches Gut aller Menschen und soll auch noch kommenden Generationen als Lebensgrundlage zur Verfügung stehen. Neben der Erarbeitung einheitlicher Regeln und Sanktionsmöglichkeiten ist auch eine „wirksame Veränderung der Mentalitäten und Lebensstile“ (468) notwendig. Die Mechanismen des Marktes alleine werden nicht ausreichen, um die Umwelt in ausreichender Weise zu schützen. Deshalb müssen entsprechende Anreize für die Forschung nach entsprechenden Innovationen gesetzt und alternative Energien weiterentwickelt werden. (470) Die Nutzung moderner Biotechnologie ist mit dem christlichen Schöpfungsverständnis und der Mitwirkung und Verantwortung des Menschen prinzipiell vereinbar (473), ihr Einsatz müsse aber auch hinsichtlich seiner gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Auswirkungen beurteilt werden und den entsprechenden ethischen Kriterien, v.a. Gerechtigkeit und Solidarität, entsprechen. (474) Fairer Handel und angemessener Technologietransfer in die Entwicklungsländer soll erleichtert werden. (475)

Das Kompendium der Soziallehre der Kirche sieht einen verantwortungsvollen und solidarischen Umgang mit der Schöpfung letztlich in einer Haltung der Dankbarkeit und Anerkennung begründet: „Wenn man […] die Natur in ihrer geschöpflichen Dimension wiederzuentdecken vermag, dann kann man […] ihre über sich selbst hinausweisende symbolhafte Bedeutung erfassen und so zum Horizont des Mysteriums vordringen, das dem Menschen den Weg zu Gott, dem Schöpfer des Himmels und der Erde, eröffnet. Die Welt bietet sich den Blicken des Menschen als eine Spur Gottes dar“ (487).

Der Beitrag der ksoe

Diesen Blick auf die geschöpfliche Dimension der Wirklichkeit in ihrem sozialen und ethischen Anspruch versucht die Katholische Sozialakademie Österreichs seit sechs Jahrzehnten den Menschen durch Bildung, Beratungstätigkeit und Teilnahme am gesellschaftlichen Diskurs zu eröffnen. Der Titel der Jubiläumsveranstaltung „60 Jahre Katholische Sozialakademie Österreichs. Zukunft gestalten_demokratisch – solidarisch – gerecht“ am 29. März 2019 zeigt an, wie wichtig solidarisches Handeln für die Zukunft der Menschheitsfamilie ist und bleiben wird.

Autor

Portrait von Werner Freistetter
W. Freistetter © J. Kuss

Werner Freistetter
für die ksoe zuständiger Referatsbischof in der Österreichischen Bischofskonferenz, ab 1985 Assistent am Institut für Ethik und Sozialwissenschaften (Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Wien), 1997-2015 Leiter des Instituts für Religion und Frieden, seit 2015 Bischof der Militärdiözese.

Tipp

Das Soziallehre Prinzip „Solidarität“ erklärt von Magdalena Holztratter

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Pastoralrat der ED Salzburg: Wertschätzung statt Ignoranz

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Pastoralrat fordert von der Bundesregierung  neuen Umgang mit Engagierten in der Flüchtlingsarbeit

In vielen Pfarren bangen zurzeit in der Flüchtlingsarbeit Engagierte um ihre Schützlinge. Einige mussten auch bereits die Erfahrung machen, dass Flüchtlinge ohne Rücksicht auf Integrationsgrad und unter Missachtung menschlicher Standards abgeschoben wurden. Der zivilgesellschaftliche Einsatz vieler freiwilliger Helferinnen und Helfer, der längst offizielle Anerkennung verdient hätte, wird mit einer solchen Vorgangsweise der Behörden zunichte gemacht. Das ist nicht nur wirtschaftlich unsinnig, sondern trifft österreichweit tausende Menschen, die aus Überzeugung dem Staat geholfen haben, die Flüchtlingskrise zu bewältigen  und die notwendige Integration der Flüchtlinge zu bewerkstelligen. Allein die Caritas konnte sich 2015 auf 50.000 Freiwillige (z.B. Deutschkurse, Begleitung von Behördengängen etc.) stützen, 30.000 sind in ganz Österreich nach wie vor engagiert.

Der Pastoralrat der Erzdiözese Salzburg, das repräsentativste Beratungsgremium in der Kirche Salzburgs,  appelliert daher an die Bundesregierung, den guten Willen und das Engagement so vieler Menschen nicht weiter zu ignorieren und durch zweifelhafte Entscheidungen zu desavouieren. Es wäre höchst an der Zeit, Vertreter der Zivilgesellschaft in die Entscheidungen einzubinden oder zumindest anzuhören.

Das betrifft nicht zuletzt die Entscheidung in Situationen, wo Negativentscheidungen im Asylverfahren zu unangemessenen Härtefällen führen. Hier bedarf es der institutionalisierten Möglichkeit einer neuerlichen Prüfung eines humanitären Aufenthalts, wo die Informationen und Erfahrungen der die betroffenen Asylsuchenden betreuenden Behörden, Gemeinden, Kirchen, der ehrenamtlichen Gruppen oder Privatpersonen gehört werden und in die Entscheidungsfindung einfließen. 

Eine Kommission auf Landesebene, die solche Härtefälle prüft, könnte all diese Erfahrungen und Informationen zusammentragen, systematisieren und gewichten und einen Entscheidungsvorschlag für einen humanitären Aufenthalt ausarbeiten. Vorschläge und Forderungen für eine solche „Härtefallkommission“ wurden bereits, von den Kinder- und Jugendanwaltschaften Österreichs, der Katholischen Aktion Österreich und der Plattform für Menschenrechte Salzburg ausgearbeitet und erhoben. Der Pastoralrat der Erzdiözese fordert im Einvernehmen mit Erzbischof Dr.Franz Lackner die rasche Umsetzung dieses Vorschlags.

Einstimmig beschlossen in der Pastoralratssitzung vom 20.11.2018 in Salzburg

Wirtschaft geht anders!

Das Ganze der Wirtschaft sehen und verstehen.

Lernen Sie das 5-Sektoren Modell von Luise Gubitzer kennen, das ein erweitertes Verständnis von Wirtschaft ermöglicht. Ein Verständnis, welches Sorgearbeit und Eigenversorgung ohne Profit als wichtigste Voraussetzung für das Funktionieren des Gesamtsystems versteht und sichtbar macht.

Im Zusammenspiel von Wissenschaft, Führungskräften und Medien wird ein mystischer Schleier um das Thema Ökonomie gewoben, der viele Frauen und Männer abschreckt, sich mit dem Thema auseinander zu setzen. Diesen Schleier wollen wir heben und mit Hilfe von Theorie und praktischen Übungen uns unseres eigenen wirtschaftlichen Wissens bewusstwerden und dieses erweitern.

Die Vorstandsfrauen des Vereins JOAN ROBINSON geben an diesem Abend Denkanstöße und werden praktisch mit uns arbeiten. Der Verein JOAN ROBINSON  hat das Ziel, Wissen zu vermitteln und zu ermutigen, in der Wirtschaftspolitik mitzureden.

  • Luise Gubitzer (Professorin für Volkswirtschaftstheorie und –politik, WU Wien)
  • Traude Novy (Erwachsenenbildnerin; langjährige Leiterin des AK Entwicklungszusammenarbeit der Katholischen Frauenbewegung Wien)
  • Ursula Dullnig (Theologin, Jugend- und Erwachsenenbildnerin, Diakonie-Flüchtlingsdienst St. Pölten),
  • Milena Müller-Schöffmann (Welthaus KA-Wien, Erwachsenenbildnerin, Lektorin FH für Soziale Arbeit, Wien)
  • Janine Wurzer (Sozial- und Kulturanthropologin, Schwerpunkt psychosoziale Gesundheit von Frauen)

Zur Einstimmung mit Getränken und Brötchen lädt die KA ab 16 Uhr herzlich zum KA-Neujahrs-Cafe.

Einladung: http://ka-wien.at/dl/rttoJkJKmNKJqx4KJK/KA_Wien_xmas_und_neujahr_2019_korr_preview.pdf

Fürchtet euch nicht!?

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Offener Weihnachtsbrief der kfb Wien an die Bundesregierung.

Sehr geehrte Mitglieder der Bundesregierung,
wir Christinnen und Christen hören in unseren Kirchen im Advent die prophetischen biblischen Schriften, die unsere soziale Verantwortung einfordern. Die Herbergssuche, die Geburt in einem Stall, die Verkündigung der Geburt Christi an die Hirten und das Wort des Engels „Fürchtet euch nicht“ machen uns deutlich, dass Solidarität mit den Armen und Ausgegrenzten die zentrale Botschaft unseres Glaubens ist. Wir Frauen der Katholischen Frauenbewegung der ED Wien leben diese Botschaft in unseren Pfarren und Gemeinden, in Kirche und Staat und auch – durch unser entwicklungspolitisches Engagement – weltweit. Das verpflichtet uns, gerade zu Weihnachten unseren Sorgen Ausdruck zu verleihen.

Wir haben keine Angst vor Flüchtlingen und vor einer geordneten Zuwanderung. Aber wir sind besorgt, dass eine unbarmherzige Politik Egoismus und Fremdenfeindlichkeit fördert!
Wir haben keine Angst vor sozialen „Durchschummlern“! Aber wir sind besorgt, dass sich Konzerne und reiche MitbürgerInnen durch Steuervermeidung und Steuerflucht ihrer sozialen Verantwortung entziehen.
Wir haben keine Angst vor dem Migrationspakt der UNO! Aber wir sind besorgt, dass Österreich wegen nationalistischer und populistischer Überlegungen sein internationales Renommee verliert.
Wir haben keine Angst vor einer deutlichen Arbeitszeitverkürzung! Sie ermöglicht es, unbezahlte Arbeit zwischen Frauen und Männern gerechter zu verteilen. Aber wir sind besorgt, dass die sozialen Kosten der Ausweitung des 12- Stunden-Tags und der 60- Stunden-Arbeitswoche wieder von Frauen getragen werden müssen.
Wir haben keine Angst vor der Stärkung des Sozialstaats! Aber wir sind besorgt, dass die Reform der Sozialversicherungen nur im Bereich der Arbeitnehmenden durchgreift und deren Interessen in den diversen Gremien schmälert.
Wir haben keine Angst vor Veränderungen durch einen umweltfreundlichen Lebensstil! Aber wir sind besorgt, wenn zukünftige Überlebensfragen hinter Wirtschaftsinteressen gestellt werden.
Wir haben keine Angst vor einer Bevorzugung der armen Länder in internationalen Handelsverträgen! Aber wir sind besorgt, dass in sogenannten Partnership-Agreements vorwiegend die Interessen der reichen Länder wahrgenommen werden.
Wir haben keine Angst vor der Erhöhung der Finanzmittel für die Entwicklungszusammenarbeit! Aber wir sind besorgt, dass es dabei vorwiegend um Exportförderung österreichischer Unternehmen geht.

Sehr geehrte Bundesregierung, wir erwarten uns, dass Sie unsere Sorge um den guten Weg in die Zukunft unseres Landes ernst nehmen! Wir denken, dass auch für Sie der Einsatz für ein gutes Leben aller jetzt und auch in Zukunft, die Grundlage Ihres politischen Handelns ist und freuen uns auf Ihre Antwort.
Franziska Berdich und Christine Saliger
für die Diözesanleitung der kfb Erzdiözese Wien

Stephansplatz 6/5/540, 1010 Wien, kfb.wien@edw.or.at
KATHOLISCHE FRAUENBEWEGUNG Erzdiözese Wien
KATHOLISCHE AKTION http://wien.kfb.at

Betriebsseelsorge St. Pölten: Wer redet hier von Gerechtigkeit?!

Stellungnahme der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Diözese St. Pölten, die im Bereich Kirche und Arbeitswelt tätig sind. „Sie können und wollen nicht schweigen zur aktuellen Situation im Bereich der Arbeitsmarktpolitik.“

Wer redet hier von Gerechtigkeit?!

In der öffentlichen Debatte werden im Augenblick Begriffe verschönt oder gedreht. Wir hören vom Arbeitslosengeld Neu und gemeint ist damit die Streichung der Notstandshilfe. Die Politik redet von Gerechtigkeit, wenn es um die Anliegen der „Fleißigen und Tüchtigen“ geht, aber es passiert eine Umverteilung von unten nach oben. Die Aktion 20.000 wurde zu Jahresbeginn abgesetzt, nun werden die Einsparungen bei den Beschäftigungsprojekten publik. Einige von ihnen müssen überhaupt zusperren. Das betrifft auch andere Sozialeinrichtungen, zum Bespiel Fraueninitiativen. Gleichzeitig gibt es Abgabenerleichterungen für Unternehmen.

Betroffen sind Menschen, die Monat für Monat darum kämpfen über die Runden zu kommen, die hoffen, dass kein Gerät kaputt geht, nichts Außergewöhnliches passiert. Die Mindestsicherung wurde mit dem Blick auf die Ausländer gedeckelt („Man kann doch keiner Pensionistin etwas wegnehmen!“). Doch in NÖ ist nur jeder Siebte Betroffene ein Asylberechtigter, alle anderen sind zumeist Bürgerinnen und Bürger unseres Landes! Von ihnen sind lediglich 28% arbeitslos, aber 25% in Pension, 21% krank oder behindert und 21% erwerbstätig mit zu geringem Einkommen. Im Vergleich zur Durchschnittsbevölkerung ist der Anteil der chronisch Kranken doppelt so hoch, dreimal so hoch der Anteil der Menschen mit Pflegebezug, viermal so hoch die Zahl der Menschen mit Behinderung.

Es sind  Frauen und Männer mit Würde, Menschen mit einmaligen Fähigkeiten, die sie auch gerne einsetzen würden. Aber sie werden von dieser Wirtschaft nicht gebraucht. In Diskussionen wird dann immer wieder behauptet, dass ihnen der Bezug gekürzt und mehr Druck ausgeübt werden muss. Das wird dann positiver Arbeitsanreiz genannt. Betriebe schreien nach Arbeitskräften und lehnen gleichzeitig Bewerber ab, oder sie beklagen keine Fachkräfte zu bekommen und bilden selbst nicht aus. Es geht längst nicht mehr um die Menschen, sondern darum, die Bedürfnisse der Wirtschaft zu erfüllen. Während von den einen verlangt wird 12 Stunden am Tag zu arbeiten bekommen immer mehr nur mehr einen Teilzeitjob.

Viele  Menschen haben Angst. Es ist die Angst nicht bestehen zu können, Angst in der sozialen Leiter abzurutschen, Angst vor der Zukunft. Als Antwort braucht es Zeichen und Räume der Hoffnung. Als Arbeiterseelsorgerinnen und –seelsorger fordern wir mit Blick auf das Evangelium Gerechtigkeit ein: Blinde sehen wieder und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und Armen wird die Frohe Botschaft verkündet. (Mt 11,5) Wenn Menschen ohne Arbeit, ohne Aussicht sind, dann fühlen sie sich ausgeschlossen. Wir erleben eine Politik der Entsolidarisierung: Wir und die anderen! Damit werden die Schwächsten an den Rand gedrängt, sind draußen. Die Ausgeschlossenen sind nicht nur „Ausgebeutete“, sondern Müll, „Abfall“. (Papst Franciscus im Rundschreiben Evangelii Gaudium 53) Dem gilt entschieden entgegenzutreten. Gerechtigkeit kann nur mit dem Blick auf die Benachteiligten unserer Gesellschaft entstehen und wenn unser Handeln nach ihren Bedürfnissen ausgerichtet wird. Wir können alle dazu beitragen. Dazu braucht es aber auch eine Politik der Solidarität, die sich in einem guten staatlichen Sozialsystem zeigt.

Quelle: http://presse.dsp.at/einrichtungen/kommunikation/artikel/2018/dioezese-st-poelten-feierte-50-jahre-betriebssorge

Regina Polak: Keine Partei in Europa betreibt offensive Armutsbekämpfung

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Wien, 06.10.2018 (KAP) Die Armutsfrage wird in der Gesellschaft ausgeblendet, und gewisse Gruppen werden stigmatisiert und beschuldigt, anderen auf der Tasche zu liegen: Das betonten die Pastoraltheologin Regina Polak und Diakoniedirektorin Maria Katharina Moser bei einer Podiumsdiskussion der Initiative “Christlich geht anders” am Freitagabend in Wien. Auch der ÖVP-Delegationsleiter im Europaparlament, Othmar Karas, nahm an der Veranstaltung teil.

Ein jahrzehntelang einseitig geführter Diskurs, der von neoliberaler Ökonomie geprägt war, habe Menschen stets nur über Leistung definiert, so Polak. Dadurch werde eine Stimmung verbreitet, dass sich nur jene gesellschaftliche Anerkennung verdienten, die auch ihren Beitrag leisteten. Dennoch müsste man über Vermögen und gerechte Verteilung sprechen, auch wenn das derzeit “nicht schick” sei Es sei Aufgabe der Kirche mit ihrer Option für die Armen, deren Situation offensiv zur Sprache zu bringen.

Es gebe keine Partei in Europa, die offensive Armutsbekämpfung betreibe, zeigte die Theologin auf. Stattdessen liege das Hauptaugenmerk darauf, die Armen nicht stärker werden zu lassen. Es gebe aber eine immer größere Schicht von Personen, die ziemlich perspektivlos sei und das auch wisse, und zu dieser Gruppe gehörten auch viele junge Menschen. “Diese Menschen tun sich schwer, ihren gesellschaftlichen Beitrag zu leisten, und das wahrscheinlich auf längere Zeit. Mein Eindruck ist, dass die Gesellschaft und die politischen Parteien sich damit abfinden”, so Polak.

Othmar Karas äußerte die Sorge, dass sich Europa das Prinzip, die Würde des Menschen als solche anzuerkennen, rauben lasse. Dann habe die Idee Europa allerdings keine Chance mehr, so der Leiter der ÖVP-Delegation. Er selbst sei aber optimistisch, weil die große Mehrheit der Menschen in der Europäischen Union eine handlungsfähigere, effiziente, demokratische EU wollten.

Die Frage sei, ob diese Mehrheit aufstehen werde, “oder ob wir uns von jenen die öffentliche Meinung bestimmen lassen, die am lautesten schreien”. Letztere würden jeden Tag mit der Botschaft “Nationalismus statt Demokratie” auftreten. Das sei die Herausforderung. “Es liegt an uns Menschen, was wir für richtig halten, auch mehrheitsfähig zu machen”, appellierte Karas.

Er würdigte die Initiative “Christlich geht anders”. Es zeige sich, “dass wir mehr gemeinsam haben, als man vor der Veranstaltung geglaubt hat, und dass es zwischen Glaube, Hoffnung, christlichem Menschenbild und der Idee Europa einen Zusammenhang gibt”. Wenn man miteinander rede, könne der Grundkonsens, den es unter den Menschen gebe, gestärkt werden.

Maria Katharina Moser, Direktorin der Diakonie Österreich, betonte, dass die Diakonie eine “Stimme der Vernunft” in der Gesellschaft sein möchte. Diese könne sich am besten Gehör verschaffen, “wenn wir über die Themen reden, die die Menschen tatsächlich bewegen”.

Es werde immer wieder gesagt, dass die Menschen Angst vor Asylproblematik und Flüchtlingen haben. “Das hören wir schon manchmal. Wenn man dann genauer ins Gespräch kommt, merkt man, dass das gar nicht die Sorgen und die Ängste sind”, so Moser. Diese würden sich vielmehr auf die eigene Wertschätzung und die eigene soziale Situation beziehen.

Wörtlich sagte die Theologin: “In Gesprächen höre ich zum Beispiel oft ‘Die Ausländer kriegen alles’, und wenn dann genauer nachgefragt wird, findet man heraus, dass die Person sich selbst vom AMS oder potenziellen Arbeitgebern schlecht behandelt fühlt.” Es sei wichtig, sich nicht auf allgemeine populistische Worthülsen einzulassen, sondern auf die wirklichen Probleme zu schauen, denn die würden alle betreffen.

Die Katholische Sozialakademie Österreich (KSÖ) wolle einen Beitrag zu mehr “guter Politik” leisten, so KSÖ-Direktorin Magdalena Holztrattner. Dabei müsse man dazu bereit sein, auch eigene Positionen zu hinterfragen und auch zu ändern, ohne sich wie ein Fähnchen im Wind zu drehen. Denn um das gemeinsame Ziel eines “Guten Lebens für alle” müsse gerungen werden.

Quelle: https://www.kathpress.at/goto/meldung/1684256/initiative-christlich-geht-anders-gegen-gruppenstigmatisierung

 

VIDEO: Verliert Europa seine Seele?

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Europaabgeordneter Othmar Karas, Pastoraltheologin Regina Polak und Diakoniedirektorin Maria Katharina Moser diskutierten am 4.10.2018 im Wiener Stephanisaal über den Druck auf die Friedensunion, die Menschenrechte und den Sozialstaat und die Rolle der Kirchen.
Moderation: Gabriele Neuwirth.
Einleitung: ksoe-Direktorin Magdalena Holztrattner.
Video: Friedel Hans.

Hier können Sie das Video abrufen:

Verliert Europa seine Seele?

 

Maria Katharina Moser: In Europa an unserer Humanisierung arbeiten

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Diakonie und Kirchen seien „eine Stimme der Vernunft, während die Politik immer mehr in den Irrationalismus abdriftet“, sagte Diakonie-Direktorin Maria Katharina Moser. Foto: epd/Michael Windisch
Diakonie und Kirchen seien „eine Stimme der Vernunft, während die Politik immer mehr in den Irrationalismus abdriftet“, sagte Diakonie-Direktorin Maria Katharina Moser. Foto: epd/Michael Windisch

Podiumsdiskussion mit Theologin Polak und EU-Parlamentarier Karas

Wien (epdÖ) – „Die Seele Europas sind die Menschen. Wir haben im vergangenen Jahrhundert eine unglaubliche Bestialisierung der Menschen in Europa erlebt und im Anschluss daran die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte und die Europäische Menschenrechtscharta entwickelt. Aber diese Humanisierung ist nichts, was uns in Europa automatisch eignet, wir müssen immer an ihr arbeiten.“ Das sagte Diakonie-Direktorin Maria Katharina Moser am Donnerstag, 4. Oktober, anlässlich einer Podiumsdiskussion über die „Seele Europas“ in Wien. Mit Moser diskutierten auf Einladung der ökumenischen Plattform „Christlich geht anders“ die römisch-katholische Theologin Regina Polak und Othmar Karas, ÖVP-Abgeordneter zum Europäischen Parlament.

In der Diskussion sprach sich Moser für eine Aufwertung der sozialen Dimension in Europa aus, die nicht nur den unmittelbar Betroffenen zugutekäme, sondern sich auch als ökonomisch rentabel erweise: „In vielen Bereichen ist in der Krisenzeit in Europa die Beschäftigung gesunken, im Bereich sozialer Dienstleistungen aber um 16 Prozent gestiegen. Die sozialen Leistungen, die wir als Diakonie oder Caritas erbringen sind also auch ein Konjunkturmotor in Europa.“ Die Diakonie-Direktorin kritisierte zudem „Glaubenssätze unserer Zeit: ‚Im Leben wird dir nichts geschenkt‘, ‚Jeder ist seines Glückes Schmied‘. Das widerspricht der christlichen Logik.“ Zuerst, so Moser, müsse die Wertschätzung und Anerkennung kommen; das setze wiederum Energien frei, dank derer wir Leistung erbringen könnten. Das zu betonen sei der Beitrag der Religionen im politischen und zivilgesellschaftlichen Diskurs. Diakonie und Kirchen sprächen als „eine Stimme der Vernunft, während die Politik immer mehr in den Irrationalismus abdriftet“.

Theologin Polak: Belange der Jungen werden kaum wahrgenommen

Die Wiener Theologin Regina Polak betonte wie Moser die Notwendigkeit eines Begriffs der Werthaftigkeit des Menschen, der vor dessen ökonomischer Leistungsbemessung anzusiedeln sei: „Aus Wertestudien wissen wir, dass ein Mensch meist nur dann als wertvoll anerkannt wird, wenn er einen Beitrag für die Gesellschaft leistet. Diese Einstellung ist vor allem bei gebildeten Menschen und der Mittelschicht verbreitet. Aber allein mit moralischen Appellen, die Würde des Menschen anzuerkennen, kommen wir hier nicht weiter. Wir müssen auf allen Ebenen schauen, was macht es so schwierig, die Würde des Menschen anzuerkennen?“  Europa, so Polak, sei in erster Linie eine „Erinnerungsgemeinschaft“, die sie jedoch durch eine gegenwärtige „Amnesie“ bedroht sehe. Die mit Stolz hervorgehobenen europäischen Werte seien „auf den Trümmern zweier Weltkriege und Millionen Toter“ entstanden – eine Erfahrung, aus der die Gründerväter gelernt hätten, aus der weiter zu lernen aber noch bevorstehe, sagte die Wissenschaftlerin, die unter anderem zum Verhältnis von Flucht, Migration und Religion forscht. Eine Quelle der gegenwärtigen Probleme liege im demographischen Wandel, der zu einer Überalterung des Kontinents führe: „Die Belange der Jungen werden kaum wahrgenommen.“ Religionen, insbesondere die monotheistischen, könnten helfen, den europäischen Zukunftspessimismus zu überwinden: „Was zumindest die christliche und jüdische Tradition auf jeden Fall einbringen können ist, zu sagen: Da wartet jemand auf uns, uns ist Zukunft verheißen.“

EU-Abgeordneter Karas: Idee Europas wurzelt im Begriff der Menschenwürde

Der EU-Parlamentarier Othmar Karas sprach sich für eine Verstärkung des interreligiösen und intrareligiösen Dialogs in Europa aus. Als Politiker würde er es sich wünschen, von den anerkannten Religionsgemeinschaften innerhalb der Europäischen Union öfter gemeinsame Anliegen zu hören zu bekommen. „Wir müssen Staat und Kirche trennen“, so Karas, „aber der Glaube  spielt in der Einstellung der Menschen zu anderen eine große Rolle. Das ist auch Teil der politischen Verantwortung, daher erhoffe ich mir eine Intensivierung des Gedankenaustausches zwischen Politik und Religionen, und das nicht nur an Feiertagen.“ Karas zitierte zur Frage nach der Seele Europas Papst Franziskus, der in einer Rede vor dem Europäischen Parlament gemeint habe, die Seele Europas gehe verloren, wo die Idee Europas verlorengehe. Dieser Idee nach, sagte Karas, sei Europa eine Wertgemeinschaft, in der der die täglichen politischen Handlungen wurzeln müssten. Hier gebe es aktuell viele Rückschritte und Defizite, so zum Beispiel das Fehlen eines ausgeprägten Sanktionsmechanismus zur Bestrafung von Menschenrechtsverletzungen, oder eine ausstehende gemeinsame Definition von Armut. Dennoch wolle er sich von den Umständen nicht frustrieren lassen: „Wenn wir uns die Seele rauben lassen, die Suche nach der Würde im anderen, dann hat auch die Idee Europa keine Chance. Diese Idee wurzelt im christlich-jüdischen Glauben und im Begriff der Menschenwürde.“

Die Initiative „Christlich geht anders“ versteht sich laut Eigendefinition als Zusammenschluss von VertreterInnen katholischer, evangelischer und orthodoxer Organisationen mit dem Ziel, „zur gesellschaftlichen Lage Stellung zu beziehen“. Schwerpunktthemen seien dabei „Arbeitslosigkeit, prekäre Beschäftigung, Armut und die Not geflüchteter Menschen“. Die Logik des Marktkapitalismus widerspräche den Grundbotschaften des Christentums. Die Initiative orientiert sich dabei am Sozialwort des Ökumenischen Rats der Kirchen (ÖRKÖ) aus dem Jahr 2003 und das päpstliche Apostolische Schreiben Evangelii Gaudium (2013). Prominente UnterstützerInnen der Initiative sind Judith Pühringer, Arbeitsmarktexpertin der Armutskonferenz, Paul M. Zulehner, Theologieprofessor und Obmann des Pastoralen Forums, Erhard Busek, früherer Vizekanzler und nunmehr Vorstandsvorsitzender des Instituts für den Donauraum und Mitteleuropa (Wien), und die Evangelische Frauenarbeit.

Quelle: https://evang.at/diakonie-direktorin-moser-muessen-in-europa-an-unserer-humanisierung-arbeiten/

 

P. Franz Helm SVD, St. Gabriel: Wir brauchen Gesetze, die menschliche Grundrechte und die Natur schützen

Mitte Juni wurde begonnen, das Flüchtlingsheim in der Ordensniederlassung St. Gabriel bei Mödling aufzulösen.
Über 15.000 Menschen haben via Onlinepetition gegen die Schließung protestiert. mosaik hat bei Franz Helm, Ordensmitglied der Steyler Missionare und selber Bewohner von St. Gabriel, nachgefragt.

mosaik: Was ist der aktuelle Stand rund um das Caritas-Flüchtlingsheim in St. Gabriel? 

Franz Helm: Im Juni gab es eine Übergabe der von uns gesammelten Unterschriften an Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner, bei der auch ein Mitglied unserer Gemeinschaft anwesend war. Wir Steyler Missionare haben betont, wie wichtig für uns die Solidarität mit geflüchteten Menschen ist. Und dass wir das Flüchtlingsheim als wesentliche Einrichtung am Standort St. Gabriel sehen.

Die Landeshauptfrau hat zugesichert, dass der Vertrag mit der Caritas erfüllt wird und das Flüchtlingsheim bleibt. Eine ebensolche Zusicherung gab es vom Büro von Landesrat Waldhäusl (FPÖ), der im Land Niederösterreich für den Bereich Integration zuständig ist. Das Caritas-Flüchtlingsheim in St. Gabriel ist ja spezialisiert auf die Betreuung von traumatisierten und (psychisch) kranken Personen. Darunter sind sogenannte „Härtefälle“ – Menschen, die besonders auf Betreuung angewiesen sind. Es gab die Zusicherung der Behörde, dass sie bleiben können. Leider ist die Entwicklung so, dass mehr als zwei Drittel der Schutzsuchenden schon in andere Heime verlegt wurden. Das kann ich nicht verstehen.

Unter den Verlegten sind Personen, die aufgrund ihres Krankheitsbildes sich selbst und andere gefährden können, wenn sie nicht regelmäßig ihre Medikamente nehmen. Drei von ihnen sind laut einem Zeitungsbericht zumindest vorübergehend verschwunden. Es ist unverantwortlich, wie hier mit kranken Menschen umgegangen wird und es ist unverantwortlich, wie hier mit der Sicherheit dieser Personen und der Bevölkerung gespielt wird. Und das, obwohl das zentrale Argument von FPÖ-Landesrat Waldhäusl immer die fehlende Sicherheit war.

Insgesamt bekomme ich den Eindruck, dass die Caritas sowie andere kirchliche Akteure und auch NGOs aus dem Flüchtlingsbereich hinausgedrängt werden sollen. Die Betreuung dafür wird vermehrt direkt in staatliche und private Hände gegeben, um lästige Zwischenrufe durch christlich und humanistisch eingestellte Menschen zu verhindern. Das Vorgehen der politisch Verantwortlichen ist von Härte und Rücksichtslosigkeit geprägt, um Flüchtlinge abzuschrecken und solidarische Menschen zu entmutigen.

Vor Ort habt ihr mit einigem Gegenwind zu kämpfen. So macht etwa auch die ÖVP Stimmung gegen die Unterkunft. Wie erklärst du dir das?

Im Flüchtlingsheim hat es im Mai einen Mord gegeben. Es war der erste und einzige derartige Fall in 26 Jahren, bei Tausenden Flüchtlingen, die in St. Gabriel Aufnahme und Betreuung fanden. Auch nach diesem Vorfall fühlten wir 40 Ordensleute, die Tür an Tür mit den Flüchtlingen leben, uns nicht bedroht. Gleiches sagen Eltern von Kindern, die auf unserem Klostergelände unweit des Flüchtlingsheimes eine Schule besuchen. Ebenso wie Leute, die auf unserem Gelände einen Betrieb haben.

Um die Rede von der „Unsicherheitslage“ zu untermauern, wurde von zahlreichen Polizeieinsätzen gesprochen, die stattgefunden hätten. Diese vermehrten Einsätze haben aber schon 2016 stattgefunden, als zwischenzeitlich zusätzliche Hunderte Flüchtlinge bei uns in einer Notunterkunft Aufnahme fanden. Damals waren sehr viele Flüchtlinge in Österreich obdachlos und lebten auf der Straße. Aber auch aus dieser Zeit ist mir kein schwerer Zwischenfall bekannt.

Boulevardmedien wie „Heute“ verbreiten einseitig Meldungen, die Asylwerber und Flüchtlinge insgesamt als ein Sicherheitsrisiko darstellen. Das Schlimme ist, dass das über diese Medien erzeugte Bild die Menschen stärker beeinflusst als die Faktenlage.

Ich erwarte mir von der Politik, dass sie unberechtigte Ängste nicht schürt, sondern ihnen entgegentritt. Aber anscheinend ist das Interesse nicht, Realpolitik zu machen, die den Menschen – und besonders den Schwächsten in der Gesellschaft – dient. Man will aus tragischen Vorfällen Kapital schlagen und auf Kosten von traumatisierten und kranken Menschen Stimmen optimieren. Das finde ich verwerflich.

Du bist als Mitinitiator der Romaria-Wallfahrt schon sehr lange in der Solidaritätsarbeit mit Flüchtlingen aktiv. Wie hat sich deiner Beobachtung nach die Stimmung gegenüber Geflüchteten in den letzten Jahren verändert?

Leider hat sich die Stimmung vor allem seit 2017 stark verschlechtert. Fehlende Unterstützung für so viele Ehrenamtliche und Institutionen, die sich für schutzsuchende Menschen einsetzen und einseitige Berichterstattung der Medien haben meiner Ansicht nach dazu geführt. Ich weiß von so vielen wunderbaren Beispielen von gelungener Integration – sie zählen nicht. Was zählt sind „bad news“, mit denen Geschäft und Politik gemacht werden.

Wir Steyler Missionare sind eine weltweite Ordensgemeinschaft, die in über 80 Ländern vor allem im globalen Süden tätig ist. Dort leisten wir seit vielen Jahrzehnten wirksame Hilfe zur Selbsthilfe. Was Politiker immer wieder versprechen und dann nicht umsetzen, das leben wir: Hilfe vor Ort. Ich würde mir wünschen, dass man endlich von Stimmungsmache hin zu echten Problemlösungen findet. Hilfsaktionen im Mittelmeer zu verbieten und zu kriminalisieren, Lager in Nordafrika zu schaffen und Menschen die Möglichkeit zu nehmen, in der EU Asylanträge zu stellen, ist keine Problemlösung, sondern Zynismus und Unmenschlichkeit. Es macht mich sehr betroffen, dass so eine Politik anscheinend mittlerweile mehrheitsfähig ist.

Der Papst hat anlässlich des Weltflüchtlingstages zu mehr Menschlichkeit und vor allem Solidarität gegenüber denjenigen aufgerufen, „die dazu gezwungen sind, ihre eigenen Länder zu verlassen.“ Die Politik unserer Regierung scheint das nicht sehr zu beeindrucken. Eher im Gegenteil, wenn man sich die vielen Abschiebungen nach Afghanistan ansieht. Wie siehst du das?

Für mich sind die Abschiebungen nach Afghanistan unmenschlich. Weil die abgeschobenen Menschen dort keine Sicherheit haben, ja um ihr Leben fürchten müssen. Abschiebungen von integrationswilligen bzw. bereits integrierten Menschen scheinen derzeit Vorrang zu haben.

Man will anscheinend bewusst den sozialen Konflikt schüren und das Negativbild der „Ausländer“ noch verstärken, um eine „Law and Order“ Politik, eine Aufrüstung der Polizei und eine Abschottung der Grenzen zu rechtfertigen. Ich mache mir große Sorgen um unser Land. Es wird in meinen Augen zunehmend unmenschlich, unsolidarisch und xenophob. Für mich als Christen hat jeder Mensch die gleiche Würde und das gleiche Recht auf ein gutes Leben, denn in jedem Menschen sehe ich ein Ebenbild Gottes.

Auch jenseits seines Engagements für Flüchtlinge, findet Franziskus deutliche Worte, wenn es etwa um seine Kritik an der herrschenden Wirtschaftsordnung geht, die im Sinne einiger Weniger funktioniert. So meint er etwa: „Der Kapitalismus kennt Philanthropie, aber keine Gemeinschaft“.

Wenn der Eigennutz und die Gewinnmaximierung um jeden Preis das Credo des Wirtschaftens sind, dann kommen dabei die Menschen und die Natur unter die Räder. Wir brauchen unbedingt gesetzliche Rahmenbedingungen, die menschliche Grundrechte und die Natur schützen.

Gerade der Klimawandel und die Migrationsströme aus Gegenden, wo Massenarmut ist, führen uns diese Notwendigkeit drastisch vor Augen. Leider scheint derzeit eine globale Wirtschaftspolitik vorzuherrschen, wo diese Notwendigkeit geleugnet wird.

Das ist eine sehr gefährliche Entwicklung, die in die Katastrophe führt. Davor warnt Papst Franziskus. Es braucht soziale Gerechtigkeit, die ein gutes Leben für jeden, ja für alle Menschen anstrebt. Almosen für die, die im ungeregelten unfairen Wettbewerb auf der Strecke bleiben, sind keine Lösung.

Aktuelle Gesetzesänderungen, wie der 12-Stunden-Tag, dienen ja genau dazu den Menschen noch weiter in den Dienst der Wirtschaft zu stellen, statt umgekehrt. Wie kommen wir da wieder raus? Welche Rolle könnte Kirche dabei spielen?

Die Kirchen, inkl. die Bischofskonferenz der Katholischen Kirche, haben sich Gott sei Dank sehr klar zu Wort gemeldet und eindeutig gegen diese Gesetzesänderungen Stellung bezogen. Besonders aktiv ist die Katholische Aktion, z.B. die Katholische Frauenbewegung.

Es braucht den breiten Protest, den Schulterschluss aller demokratischen und sozialen Kräfte im Land. Und es braucht Bewusstseinsbildung – wie sie z.B. durch die Initiative „Christlich geht anders“ geschieht. Und es braucht das Gebet – damit harte Herzen wieder empfindsam werden für das Leid anderer.

Interview: Rainer Hackauf und Sandra Stern.

Quelle: https://mosaik-blog.at/fluechtlingsheim-st-gabriel-schwarz-blau-franz-helm-interview/